Schädlingsbekämpfer packen das Torhaus Dölitz ein

Holzwürmer sind gefährliche Zeitgenossen. Sie vermehren sich rasant schnell und zerlegen dann ganze Dachstühle. Auch dem Torhaus Dölitz droht dieses Schicksal. Die Stadt lässt deshalb jetzt Schädlingsbekämpfer anrücken.

Leipzig

Das hat das Torhaus Dölitz in seiner fast 350-jährigen Geschichte noch nie erlebt: Eine Firma aus Dresden packt es komplett luftdicht ein, um den Schädlingen im Dachgebälk zu Leibe zu rücken. „Wir machen Geschichte länger haltbar“, sagt Geschäftsführer Marco Müller von der Schädlingsbekämpfungsfirma Groli. Das Torhaus sei durch die verlustreichen Kämpfe während der Völkerschlacht weit über Deutschland hinaus bekannt. Was Müller gern verschweigt: Auch seine Aktion wird „Opfer“ produzieren.

Diese „Opfer“ sind allerdings nur fünf bis zehn Millimeter groß, tragen den Namen Anobium punctatum und sind landläufig als Holzkäfer bekannt. Sie haben sich schon vor Jahren einige Dachbalken des Torhauses erobert und okkupieren seitdem immer größere Flächen des Dachstuhls. Müller spricht von tausenden Larven, die sich inzwischen dort verschanzt haben, jede einzelne von ihnen fresse in fünf bis acht Jahren etwa so viel Holz wie in eine Espresso-Tasse passt. „Jedes Insekt legt jährlich 300 bis 400 Eier – das Wachstum der Population ist dadurch extrem stark“, schildert Müller. Seine Botschaft: Das Torhaus schwebe in ähnlicher Gefahr wie bei der Völkerschlacht.

Die Stadtverwaltung hat deshalb gehandelt, bevor die Zahl der Holzwürmer im Dach des Torhauses übermächtig wird: Anfang des Jahres hat sie eine Ausschreibung gemacht – gewonnen hat sie die Firma Groli aus Dresden. Diese hat sich seit 1990 darauf spezialisiert, Insekten aus Gebäuden zu entfernen, in denen sie nichts zu suchen haben. „Wir retten nicht nur alte Häuser wie Kirchen, Gutshäuser oder Kloster“, erzählt ihr 44-jähriger Geschäftsführer. „Es sind auch nagelneue Einfamilienhäuser dabei, die nach kurzer Zeit von Holzschädlingen befallen sind.“ In der Regel, weil die Hölzer zuvor nicht fachgerecht behandelt wurden.

Groli bietet drei Möglichkeiten an, um die Schädlinge aus dem Haus zu bekommen – alle drei enden für die Nagekäfer allerdings tödlich. So werden befallene Hölzer manchmal mit Chemikalien behandelt, in anderen Fällen mit Heißluft – oder komplett luftdicht eingepackt, wie das Torhaus Dölitz. Anschließend wird dieses Paket mit Gas gefüllt – so lange, bis die Holzwürmer im Haus ihren Geist aufgeben.

Rund 1400 Quadratmeter Folie

Beim Torhaus Dölitz entschieden sich die Experten für das Einleiten von Gas, weil nur so alle verwinkelten Stellen im Dachgebälk erreicht werden können und die Zinnfiguren des Museums unbeschädigt bleiben. Seit Dienstag packen deshalb fünf Groli-Mitarbeiter das Gebäude mit Folie ein, die besonders stabil und luftdicht ist. Rund 1400 Quadratmeter Folie waren bis Mittwochnachmittag mit zwei Kilometern Klebeband am Torhaus befestigt, um die 2400 Kubikmeter Rauminhalt hermetisch abzudichten.

In dieses Paket strömt ab Donnerstag aus Gasflaschen sogenanntes Sulfuryldifluorid-Gas und soll 72 Stunden lang konstant im Gebäude bleiben. „Die Konzentration des Gases wird ständig überwacht“, schildert Müller. „Wir haben Ventilatoren und Lüfter in den Innenräumen, mit denen wir das Gas bei Bedarf nach oben drücke oder umwälzen können.“

Während dieser 72 Stunden darf niemand in das Gebäude. Auch die Zusammensetzung der Luft im Torhaus wird deshalb nur mit Messgeräten erfasst, die aus der Ferne abgelesen werden. Selbst das „Nachgasen“ wird nur von außen gesteuert. „Das Gas ist auch für Menschen absolut tödlich“, sagt Müller. Deshalb ist auch das Areal rund um das Torhaus während der dreitägigen „Begasung“ gesperrt. Wer sich das Gebäude aus sicherer Entfernung anschaut, muss allerdings keine Angst haben: Das Gas explodiert nicht und kann auch nicht brennen.

Keine Gefahr für Menschen

Auch nach Ablauf der 72-Stunden-Frist dürfen sich nur Experten mit Masken und Atemgeräten an das Gebäude wagen, um die Folien zu entfernen. Dann werden auch die Lüfter und Ventilatoren im Haus in Gang gesetzt, um das Gas ins Freie zu befördern. „An der Luft zerfällt es sofort in seine chemischen Bestandteile“, schildert Müller. Gefahr für Menschen im Freien bestehe dabei nicht.

Anschließend werden ein halbes Dutzend Holzproben in die Materialprüfanstalt Eberswalde gebracht, die vor der Begasung des Torhauses im Gebäudeinneren ausgelegt wurden und voller Holzwürmer waren. In Eberswalde wird untersucht, ob auch wirklich alle Tiere tot sind. Erst wenn die Eberswalder dies offiziell bestätigen, gilt der Auftrag der Schädlingsbekämpfer als erfüllt.

Müller weiß, dass sein Job in Deutschland auch kritisch gesehen wird. „Gas ist ein heikles Thema“, sagt der Vater von drei Kindern. Doch das Verfahren, das Groli anwendet, stammt aus den USA und hat seit seiner ersten Anwendung im Jahr 1961 mehr als eine Million Gebäude gerettet. In Deutschland verdanken zum Beispiel unzählige alte Kirchen dem Gaseinsatz ihre Rettung. „Wir sorgen dafür, dass Jesus nicht vom Kreuz fällt“, umschreibt Müller deshalb gern seinen Job.

Von Andreas Tappert

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