Begasungsprojekt im XXL-Format

DpS Fachzeitschrift für Schädlingsbekämpfung

Stephan Keppler, Redaktion DpS

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Marco Müller wirft einen letzten prüfenden Blick auf die Messgeräte. Dann öffnet er die Ventile der Gasflaschen. Über ein mehrere hundert Meter langes Netz aus gasführenden Schläuchen strömt Sulfurydifluorid in den Gebäudekomplex. Ein tödliches Gas. In den nächsten Stunden wird es das gesamte Gebäude durchdringen und selbst durch das rund hundert Jahre alte Eichenholz des Dachstuhles diffundieren. Das sichere Ende für die Larven des Hausbocks, die in dem Holz ihr Larvenstadium verbringen und es dabei im wahrsten Sinne des Wortes pulverisieren.

Begasungen von Dachstühlen sind normales Tagesgeschäft für Marco Müller, Geschäftsführer der GROLI Schädlingsbekämpfung GmbH Dresden. Das Unternehmen deckt zwar den gesamten Bereich der Schädlingsbekämpfung ab, hat sich aber auf den Bereich Holzschutz spezialisiert. Das GROLI-Team ist bundesweit unterwegs. „Wir kümmern uns überwiegend um die Bekämpfung des Hausbocks mit Hilfe von Begasungen“, erläutert der Diplom-Ingenieur Marco Müller. Das aktuelle Projekt im sächsischen Bannewitz unweit der Landeshauptstadt Dresden ist auch für ihn ein ganz Besonderes. 

Bei dem Gebäude handelt es sich um eine alte Hutfabrik, die 2019 saniert und zu Wohnzwecken umgebaut wurde. Die exklusive Wohnanlage in dem historischen Gemäuer verfügt über 21 Wohnungen. Dazu kommen 6 Wohnungen in einem Pufferbereich, die ebenfalls für die Dauer der Begasung von den Mietern geräumt werden müssen. Insgesamt mussten 42 Personen ihre Wohnungen verlassen.

Starker Hausbockbefall

Die Mieter wurden kurz nach ihrem Einzug vor zwei Jahren von den knarzenden Geräuschen der fressenden Hausbocklarven um den Schlaf gebracht. Den hätte es eigentlich gar nicht in dem Dachstuhl geben sollen. Ein Gutachter hatte den Dachstuhl vor dem Umbau untersucht und für Hausbockfrei befunden. Eine teure Fehleinschätzung! Nachdem sich Mieter beschwert hatten, wurde der Dachstuhl erneut untersucht und dem Holz nun ein starker Befall mit den Larven des Hausbocks attestiert. Wie viele Larven genau in dem Holz unterwegs sind, weiß niemand. Marco Müller schätzt, dass es sich um weit über 1.000 Larven handelt, die bekämpft werden müssen.

Würde sich der Hausbock so verhalten, wie es in vielen Lehrbüchern steht, dürfte er in diesem Fall gar nicht im Holz sein, schließlich legen die adulten Käfer ihre Eier mutmaßlich nur in Weichhölzern ab. Harthölzer wie Eiche würden dagegen von den gefräßigen Larven gemieden. In diesem Fall war das den Käfern offenkundig gleichgültig, in welches Holz sie ihre Eier legen. Für ihr zerstörerisches Werk steht den Larven viel Zeit zur Verfügung. Unter günstigen Bedingungen dauert die Entwicklung von der Eiablage bis zur Verwandlung in den nur vier Wochen alt werdenden Käfer 3 bis 4 Jahre. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es auch bis zu zehn Jahre dauern. 

Rückbau oder Begasung

Da es sich bei dem Gebäudekomplex in Bannewitz um ein Wohngebäude handelt, war eine Bekämpfung der Larven mit chemischen Wirkstoffen ausgeschlossen. Die Hausverwaltung dachte daraufhin darüber nach, den Mietern zu kündigen und den Gebäudekomplex bis auf Rohbaustand zurückzubauen und alle Holzkomponenten wie den Dachstuhl und Balkenlagen zwischen den Etagen zu erneuern. Das hätte mehrere Millionen Euro gekostet.

Dann brachte jemand die Alternative Begasung ins Spiel. „Das war vor zwei Jahren“, erinnert sich Marco Müller und ergänzt: „Wir haben uns die Örtlichkeiten daraufhin angesehen und eine genau auf dieses Projekt abgestimmte Begasungskonzept entwickelt. Klingt nach Routine, war es aber in diesem Fall ganz und gar nicht. Für die Durchführung einer Begasung in dieser Größenordnung müssen die Mieter für rund zwei Wochen ihre Wohnungen verlassen und anderweitig untergebracht werden. Jede einzelne Wohnung muss zudem per Videoprotokoll im Beisein des Mieters übergeben und versiegelt werden. Ein solches Prozedere lässt sich natürlich nicht per Anordnung der Hausverwaltung umsetzen, sondern setzt eine offene Kommunikation mit den Mieterinnen und Mietern voraus“, so Marco Müller. Dabei gehe es auch darum, ihnen die Angst vor negativen Folgen einer Begasung für ihr Mobiliar und den persönlichen Besitz zu nehmen.

Da es sich bei einer Begasung um eine anzeigepflichtige Maßnahme handelt, mussten auch die zuständigen Behörden involviert werden. „Dafür war es unter anderem notwendig, ein Sicherheitskonzept zu entwickeln“, so Marco Müller. Dieses Sicherheitskonzept umfasste neben dem eigentlichen Gebäudekomplex auch die Außenbereiche. So musste die am Haus entlangführende Straße für den Zeitraum der Begasung halbseitig gesperrt werden. Um sicherzustellen, dass alle Betretungsverbote eingehalten werden, wurde außerdem ein Sicherheitsdienst engagiert, der das Gebäude mit jeweils drei Mitarbeitern rund um die Uhr im Auge behalten wird.

Verhüllungskünstler am Werk

Aber auch die Größe des Gebäudekomplexes, der sich über eine Gesamtfläche von 10.400 m/2 erstreckt war eine Herausforderung. Um das Gas möglichst verlustfrei arbeiten zu lassen und zugleich das Umfeld vor einer Kontamination mit Gas zu schützen, müssen große Teile der Gebäudehülle mit Hilfe von Folien abgedichtet werden. Ein Job, die die Spezialisten der GROLI-Schädlingsbekämpfung übernommen haben. Mehrere Tage lang waren sie mit großen Hubarbeitsbühnen im Einsatz, um den Dachbereich sowie alle Belüftungsöffnungen penibel mit Folie abzukleben. Das Ergebnis war fast schon ein kleines Verhüllungskunstwerk, das Marco Müller den Spitznamen „Der Christo von Bannewitz“ eingebracht hat.

Die intensiven Planungen und die präzise Vorbereitung des Gebäudes für die eigentliche Begasung haben sich gelohnt. Nach einer 3-tägigen Begasung wurden die mit Holzbocklarven präparierten Prüfkörper ans Materialprüfungsamt geschickt, die den Tod der Larven attestierten. Dass die Begasung erfolgreich sein würde, war für Marco Müller aber schon vorher klar: „Wir verfügen über eine umfassende Expertise auf diesem Gebiet und wissen aus hunderten von Begasungen, unter welchen Bedingungen die Larven bei welchen Gaskonzentrationen zuverlässig abgetötet werden.“

Nach einer umfangreichen Belüftungsphase konnte die Gas – und Messschläuche und die Abdichtungen wieder zurückgebaut werden. Aufatmen bei den Mietern, die endlich wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten.

Während die Folie wieder vom Dach der alten Hutfabrik entfernt wird, ist Marco Müller im Gedanken bereits beim nächsten Projekt. Diesmal geht es an die Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Ein denkmalgeschütztes Kaufmannshaus soll von den Larven des Hausbocks befreit werden. Zwar wird auch dieses Projekt wieder neue Herausforderungen für den Holzschutzexperten Marco Müller bereithalten, aber er und sein Team werden mit ihrer Erfahrung und Routine auch diesen Auftrag erfolgreich zum Abschluss bringen.

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